Steh für dich ein!

Kommentar meines Vorgesetzten, als ich nach 12 Stunden Arbeit mal schon um 1930 das Büro verliess, während meine Kollegen alle noch fleissig waren: «Du gehst schon? Hast du einen halben Tag freigenommen?»

Diese halbspassig, aber auch halb-ernst gemeinte Frage aus meiner lang zurückliegenden Zeit in der Unternehmensberatung hat mich nie losgelassen. Wir waren ein Team von Beratern, wöchentlich aus verschiedenen Ländern eingeflogen für ein Projekt, das ein gutes Jahr dauerte in einem grossen Unternehmen. Wir wohnten im Hotel und arbeiteten viel. Die Arbeitstage waren lang und auch am Wochenende waren wir alle oft am Schreibtisch. An dem einen Abend wollte ich mich mit einem alten Studienkollegen treffen, der auch gerade in der Stadt war.

Als engagierte Mitarbeiterin mit beruflichen Ambitionen fuhr mir diese Frage bis ins Mark. Meine Gedanken drehten sich: Er hat Recht. Das geht doch nicht, dass ich jetzt einfach gehe! Es ist ungerecht und egoistisch gegenüber meinen Kollegen. Wo bleibt da die Solidarität? Aber in mir rebellierte es. Warum nicht, verdammt noch mal? Ich hab meinen Tag so eingeteilt, dass ich jetzt SCHON gehen kann. Habe alle meine Arbeit erledigt, den nächsten Tag vorbereitet und überhaupt: ich will auch mal leben!

Nach einem Moment Pause, in dem mir all das durch den Kopf schoss, antwortete ich, ebenfalls halb spassig, und halb-ernst: «wenn du mich einmal erwischt, dass ich meine Arbeit nicht erledigt habe, dann darfst du gern kommen und mir ein Leben verbieten: das ist heute nicht der Fall. Bis es soweit ist, lebe ich»

Ich hatte einen fantastischen Abend.

Und noch viele weitere – danach trauten sich sogar meine Kollegen, mal den Arbeitsabend «frei» zu nehmen.

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