Sei frech, und wild, und wunderbar !

Vor ein paar Tagen hatte ich mal wieder einen – Coronakonformen – Zoom Call mit einer guten alten Arbeitskollegin aus Bankenzeiten. Sie ist eine der Frauen, die einfach alles hat, was es heute braucht, um ganz nach oben zu kommen. Die Türen stehen ihr offen. Ihre Vorgesetzten pushen sie, wo sie können, geben ihr die notwendige Visibilität, Führungsverantwortung, exzellente Jahresendbewertungen. Der rote Teppich liegt vor ihr. Sie muss nur drauftreten.

Aber – sie will nicht. Sie traut es sich nicht zu, noch mehr Verantwortung zu übernehmen, als sie schon hat. Obwohl sie alles richtig macht. Sie hat Hemmungen vor wichtigen Leuten – auch online – ein Meeting zu führen oder eine Präsentation zu halten. Sich zu «exponieren». Sich einfach mal das zuzutrauen, was andere ihr zutrauen – auch wenn sie es noch nie gemacht hat.

Jetzt kann man sagen: OK, das ist doch ein Einzelfall. Sorry, nein, ist es leider nicht. Noch immer gibt es so viele Frauen, die könnten, aber nicht wollen oder wollen würden, es aber sich nicht zutrauen, den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu machen. Aus Angst zu versagen, sich zu exponieren, nicht mehr gemocht oder womöglich beneidet zu werden. Nur weil heute die Firmen Quoten eingeführt haben und händeringend nach Frauen suchen, die die Karriereleiter hochsteigen möchten, heisst das nicht, dass sich das Mindset der Frauen über Nacht geändert hat. Für die, die über das notwendige Selbstbewusstsein verfügen, ist es ein Segen, dass ihnen endlich dieselben Türen offenstehen wie den Männern. Aber Frauen, die heute ins Senior Management von Grossunternehmen aufsteigen könnten oder sollten, kamen nun mal vor 1-2 Generationen auf die Welt und wurden von einer – heute altmodisch anmutenden – Welt geprägt, in der die meisten Mädchen doch bitte nett, adrett und bescheiden zu sein hatten. Das biegt man nicht einfach mal so um. Mit ein paar Trainings ist es nicht getan. Da geht frau hin, wird einen Tag oder auch mehrere berieselt mit Techniken, die frau anwenden könnte – und dann geht sie an ihren Arbeitsplatz zurück und das Leben geht genauso weiter wie vorher. Und die, die zu sehr gepusht werden, sind eines Tages verheizt.

Fehlendes Selbstbewusstsein und Glaube an die eigenen Fähigkeiten biegt man nicht einfach mal so um von einen Tag auf den anderen hin. Selbstbewusstsein ist ein komplexes Gebilde. Es ist ein langer und individuell sehr unterschiedlicher Weg, bis frau sich mehr zutraut. Und am Anfang davon steht die Intention: «JA ICH WILL! Und ich bin bereit, an mir zu arbeiten»

Ein grosser Schritt in den Firmen ist getan: die Türen stehen auf. Ebenso gibt es firmeninterne Mentoring- und Förderprogramme, die langsam beginnen zu wirken. Aber um Frauen wie meine alte Kollegin, die wirklich riesiges Potential haben, denen aber der Glaube an sich selbst fehlt, zum Durchschreiten der Tür zu bewegen, braucht es noch viel mehr individuelle und zielgerichtete Unterstützung, Geduld – auch vom Umfeld – sowie die Vermittlung schon von Kindesbeinen an, dass Mädchen bitte nicht nur nett, adrett und von allen geliebt werden sollen.

Wie sagte Astrid Lindgren so schön: sei frech, und wild, und wunderbar!

Mein Leitspruch 😊

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.