Stoizismus – aktueller denn je!

Als ich noch als Unternehmensberaterin arbeitete, hatte ich einmal ein Projekt in Holland. Von den verschiedenen Standorten in Europa flog unser Team jeden Montag nach Amsterdam. Einen Morgen hatte es sehr stürmische Winde im Anflug auf den Flughafen. Das Flugzeug wurde nur so in der Luft herumgewirbelt. Ich hatte einen Fensterplatz und sah die Landebahn mir wie auf einer Achterbahn entgegenkommen, während meine Eingeweide völlig unkoordiniert Samba tanzten. Selten hatte ich solche panische Angst bei einer Flugzeuglandung.

Im Büro war das natürlich dann ein Thema. Den anderen war es ähnlich gegangen wie mir. Mit einer Ausnahme. Einer der Manager war völlig relaxed und erzählte, wie er während der Landung einen hochinteressanten Artikel über modernstes Datenbankdesign gelesen hatte. Seine Haltung war stoisch: «ändern kann ich an der Situation nichts, aber es kommt alles sicher gut. Bis zu meinem letzten Atemzug lerne ich weiter.» Ich war schwer beeindruckt, das gebe ich unumwunden zu.

Der Typus des Stoikers ist seit über 2000 Jahren bekannt. Heute hat der Begriff einen etwas angestaubten und negativen Unterton. Wer sich aber mal auch nur ansatzweise damit befasst, findet heraus, dass echte Stoiker unglaublich glückliche Menschen sind. Wie mein Kollege damals. Für Stoiker ist ein halbvolles Glas nicht nur schon ziemlich voll, sondern sie freuen sich daran, dass sie überhaupt ein Glas vor sich stehen haben, dass Glas überhaupt erfunden wurde und für welche anderen Dinge es sonst noch nützlich ist.

Ihre grundsätzliche Lebenseinstellung ist, dass es Dinge gibt, die kontrollier- und beeinflussbar sind und andere, die sich unserer Kontrolle und unseres Einflusses entziehen. Letztere sind es nicht wert, dass man sich darüber aufregt. So kann ich zwar kontrollieren, wie lange ich meine Spaghetti koche, aber ob mein Chef heute schlechte Laune hat, die Katze aus der Nachbarschaft wieder meinen Garten zum Klo umfunktioniert, oder ich beim Arzt einmal mehr warten muss, das ist ausserhalb meines Einflussbereichs. Der Fokus des Stoikers liegt auf der Wertschätzung von dem, was da ist und dem, was in seinem Einflussbereich liegt. Dazu ist der Stoiker ein sehr selbst-reflektierter Mensch, der seine Handlungen stetig hinterfragt und misst an den 4 Eigenschaften:

  • Mut: die Herausforderungen des Lebens anpacken, anstatt davon zu laufen
  • Mässigung: kleine Schritte gehen und dabei Emotionen kontrollieren
  • Weisheit: sich permanent weiterbilden und selbst reflektieren
  • Gerechtigkeit: für sich und sein Umfeld ein bestmögliches Leben anhand der eigenen Werte schaffen

Der Stoiker lebt das, was man neudeutsch als Achtsamkeit bezeichnet, nämlich den Moment erleben und schätzen. Und eine weitere Überlegung des Stoikers möchte ich auch noch mit euch teilen: er stellt sich regelmässig vor, das jeweils schlimmstmögliche Szenario wäre bereits eingetreten – und freut sich dann, dass das nicht passiert.

Irgendwie schräg – aber bewundernswert. Diese Lehre ist zwar uralt, aber auch in der heutigen Zeit aktueller und relevanter denn je. Nur mit viel Stoizismus ist heute den furchtbaren Ereignissen auf der Welt beizukommen.

Das muss ich selbst öfters mal ausprobieren. Ich glaube allerdings nicht, dass ich je ein richtiger Stoiker werde. Aber mein alter Manager bleibt mein Vorbild.

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