Minimalismus macht frei

Ungefähr so sieht es am Rande meines Schreibtischs aus. Es macht mich fertig. Jeden Tag, wenn ich das Chaos sehe, frage ich mich, ob ich das alles brauche. Die Antwort ist leider immer wieder: ja!

Aber ich hatte schon immer ein Problem mit zu viel «Zeug» um mich rum. Ich liebe meine Freiheit. Am liebsten hätte ich nur ein Tiny House mit meinem Mann. Gemietet wohl gemerkt. Ja gut, und die beiden Pferde. Naja, das Auto und den Anhänger für die Pferde auch. Ach, und die Velos, die brauchen wir ebenfalls. Aber mehr nicht. Echt nicht. Glaub ich…

Material. Zeug. Eigentum. Krimskrams. Wir ersaufen förmlich in «stuff». Aber wo anfangen, sein Leben zu entrümpeln?

Mein Leben führte mich vor vielen Jahren nach England. Vorher hatte ich alles, was eine junge Frau im ersten Job sich so angeschafft hatte: eine Mietwohnung voll eingerichtet, ein Auto, ein Pferd. Das Auswandern nach England entpuppte sich als Befreiung von allen Zwängen. Ich verschenkte alles bis auf mein Auto und meine Kleider, als ich auf die Insel ging. Suchte mir wieder ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. In den ersten Wochen blühte ich förmlich auf. Ich war auf einmal frei. Frei von Ballast. Frei von Eigentum. Frei von Zwängen. Frei von Erwartungen anderer Menschen – abgesehen vom Arbeitgeber.

Die nächsten Jahre war ich frei – und sehr glücklich. Ich machte es mir zur goldenen Regel: ich kaufe mir nur so viel, wie in mein Auto reinpasst. Wenn ich mir etwas Neues kaufe, muss etwas anderes den Weg allen Irdischen gehen. Es wurde zu einer Lebensregel: je weniger ich besitze, desto freier bin ich. Kein materieller Ballast mehr, der mich daran hindert, einfach alles einpacken zu können und weiterzuziehen. Und das Wissen, ich kann, wenn ich will, jederzeit alles verschenken und gehen.

Über die Jahre, gebe ich zu, verwässerte ich diese Regel wieder. Vor allem bei den Pferden bin ich in den letzten Jahren kläglich gescheitert. Aber zum Glück ist mein Mann noch radikaler als ich was Entsorgung angeht. Wenn ich etwas zu Hause suche und nicht finde, hat das oft «Hoppla!» den Weg in den Abfallkübel gefunden. Zum Glück passen Pferde nicht in Abfallkübel.

Bei uns gilt die Regel: «kommt was rein, fliegt was raus» Es ist durchaus ok, neue Unterhosen gegen alte Socken zu tauschen, aber die Masse muss ungefähr gleich sein. Mein Mann scherzt manchmal: «eines Tages werde ich sicher auch mal ausgetauscht!» Bisher hatte er Glück: ich hab noch nichts massemässig gleichartiges gefunden…

So ist es uns gelungen, materiell weiterhin leicht unterwegs zu sein und zu wissen: wir sind frei. Wenn wir wollen, packen wir das bisschen was wir haben zusammen und gehen. Irgendwohin.

Und nun unterstützt uns auch noch die Hirnforschung, die sagt, der Mensch kann nur klar denken, wenn er kein Durcheinander im Kopf hat. Keinen Ballast, um den er sich kümmern muss, nichts, dass ihn ablenkt, nichts dass ihn «ballastet». Vielleicht sind wir deshalb so glücklich.

Angeblich gehört dazu auch ein ordentlicher Schreibtisch. Irgendwas mache ich also sicherlich immer noch falsch!

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