Das neue Selbstbewusstsein (vom April 2020)

Arbeit von überall aus – Corona macht’s möglich

Corona hat auch Gutes! Nicht nur, dass wir durch dieses Virus allesamt mal aus unserer Komfortzone geworfen wurden. Nein, nun werden wir auch noch feststellen, dass wir als Berufstätige und Arbeitnehmer nach der Krise deutlich selbstbewusster geworden sind. Und das werden auch unsere Arbeitgeber feststellen.

In meiner langen Karriere in internationalen Firmen hatte ich gute wie schlechte Zeiten. Das gehört dazu. Nach den schlechten kann man die guten Zeiten dann wieder so richtig schätzen. Aber was ich definitiv gelernt habe, war, dass man ein deutlich besseres Leben hat, wenn man gerade mal wieder eine selbstbewusste Phase hat. Dann wird man klar mehr respektiert, kann sich besser durchsetzen und ein gelegentliches NEIN wird akzeptiert.

Aber ein selbstbewusster Mitarbeiter fordert seine Vorgesetzten auch deutlich mehr. Und jeder, der schon mehr als einen Chef hatte, weiss, es gibt bessere und schlechtere Vorgesetzte.

Das neue Selbstbewusstsein als Mitarbeiter

Corona ist ein Segen für alle die, die schon immer Home Office machen wollten, es aber nie tun konnten, weil entweder der Vorgesetzte es nicht erlaubte, oder die sich selbst nie getraut haben.

Viele Angestellte werden Home Office Arbeit erfahren haben und für sich selbst die Vor- und Nachteile erkannt haben. Sicherlich ist es keine Arbeitsform, die für alle stimmt und bei der sich alle wohlfühlen. Meetings über den Bildschirm und virtuelle Kaffeetermine ersetzen auf Dauer keine persönlichen Interaktionen, gemeinsame Arbeit am White Board oder den freundschaftlichen Schwatz an der Kaffeemaschine. Ganz klar.

Jedoch, nach Corona sind alle erfahrener im Umgang mit digitalen Medien. Digitalisierung wird kein abstrakter Begriff mehr sein. Der Mitarbeiter wird wissen, wie er sich organisieren kann zu Hause. Er wird verstanden haben, was der Wegfall des täglichen Arbeitswegs und des Pendeln in vollen Bussen und Zügen in seinem Zeitmanagement und für seinen Stresslevel bedeutet.

Und er wird die Chance erhalten haben – wenn er sie vorher nicht bekam – seiner Firma, seinem Vorgesetzen und seinen Kollegen zu beweisen, dass er seine Arbeit von zu Hause aus genauso gut oder vielleicht sogar besser erledigen kann wie im Büro.

Jeder wird für sich besser einstehen können und gegenüber seiner Firma und seinem Vorgesetzten fundierter argumentieren können, warum er lieber im Büro oder eben von zu Hause aus arbeiten möchte. Gegenargumente werden es schwer haben.

Spätestens wenn die KiTas und Schulen wieder öffnen und damit potentielle Ablenkung wieder anderweitig betreut wird, wird sich die Produktivität von Home Office zeigen. Dann gibt es keine Ausreden mehr, und schon gar nicht für Vorgesetzte.

Guter Vorgesetzter vorher = guter Vorgesetzter nachher

Die besseren Vorgesetzten haben von der Krise nichts zu befürchten. Sie werden nach der Krise noch immer die besseren Vorgesetzten sein, denn sie haben schon vorher ihre Mitarbeiter respektiert, motiviert und ihnen genügend Freiraum gegeben, ihre Arbeit eigenverantwortlich zu erfüllen anhand der gemeinsam definierten Zielvorgaben. Sie hatten schon vorher verstanden, dass die Pyramide immer von unten getragen wird und man das Fundament pflegen muss, damit die Spitze auch oben bleibt.

Die anderen werden sich anstrengen müssen

Der andere Teil der Vorgesetzten werden einen deutlich schwierigeren Stand nach der Corona-Krise haben, denn das neue Selbstbewusstsein ihrer Mitarbeiter wird sie vor grosse Herausforderungen stellen. Sie werden sich persönlich selbst weiter entwickeln müssen, um längerfristig ihre Position zu halten.

Trotz aller Werbung für Home Office, Work-Life Balance, Flexibilität und Teilzeitarbeit fiel es einem grossen Teil von Vorgesetzten vor der Krise schwer, ehrlich – nicht nur per Lippenbekenntnis – ihren Mitarbeitern diese Möglichkeiten zu offerieren. Viele hatten immer noch das Gefühl, dass ihre Mitarbeiter von zu Hause aus nicht produktiv arbeiten können, die Freiheit womöglich ausnutzen und nicht kontrollierbar sind. Zudem fühlten sich diese Vorgesetzten auch oft unabdingbar für die Firma und wären nicht auf die Idee gekommen, Home Office für sich selbst in Betracht zu ziehen.

Corona hat dem ein Ende gemacht. Endlich. Vorgesetzte wurden durch Corona zu Home Office gezwungen, über Wochen und Monate für sich und ihre Mitarbeiter.

Und siehe da. Es funktioniert. Viele werden festgestellt haben, dass man seinen Mitarbeitern durchaus trauen kann. Dass Produktivität durch Digitalisierung nicht leidet. Und dass die intrinsische Motivation, für die Firma gute Arbeit zu leisten, bei den allermeisten sehr hoch ist.

Die, die das verstehen, dies verinnerlichen und später weiterführen, werden nach der Krise zu besseren Vorgesetzten. Die anderen, tja, für die wird es schwer.

Es geht noch weiter

Weitere Vorteile werden nach der Krise bleiben. Mehr Menschen werde eine neue Liebe zum individuellen Pendeln finden und entweder Stosszeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln vermeiden oder auf Velo umstellen. E-Bikes werden einen weiteren Boom erleben.

Und in der häuslichen Partnerschaft wird auch das letzte fehlende Quäntchen Anerkennung für die Leistung, die ein nicht-arbeitender Partner in Kinderbetreuung und Hausarbeit leistest, endlich erreicht sein.

Nach Corona wird die Arbeitswelt anders aussehen. Wie genau, wird sich zeigen, aber eins ist sicher: Selbstbewusster. Flexibler. Freier.

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